WMDEDGT – 5. Oktober 2023

Unter „Was machst du eigentlich den ganzen Tag“, kurz #wmdedgt, versammeln sich die Tagebuchbloggenden an jedem 5. eines Monats und berichten vom Tag. Initiiert wurde das von Frau Brüllen.

Die Nacht verbringe ich größtenteils „am Lagerfeuer“, denn jemand in den nahen Gartenanlagen hielt es gestern für eine gute Idee, spät abends Grünzeug zu verbrennen. Der Rauch hält sich gut in der Wohnung, alles riecht nach Zeltfreizeit in der Grundschule, und weil das Feuer lange brennt und der Wind ungünstig steht, kann ich vor dem Schlafen nicht lüften. Um vier Uhr stehe ich auf, öffne das Fenster und bemerke die ersten Kopfschmerzen.

Das Weckerradio beginnt den Tag erbarmungslos gegen halb sieben. Ich bin für diese Welt noch nicht bereit und döse bei den Nachrichten und tagesaktuellen Berichten vor mich hin. Ich mag es eigentlich nicht, mit Updates zum schleichenden Weltuntergang so geweckt zu werden, aber das Ding kann ansonsten nur komisches Piepsen und künstliches Vogelgezwitscher im zehn Sekunden-Loop von sich geben, was mich mindestens genauso aufregt wie größenwahnsinnige Milliardäre.

Irgendwann schäle ich mich grummelnd aus dem Bett und beginne die Morgenroutine. Heute arbeite ich von zu Hause und bin genervt davon, dass ich eine Chance auf frühen Arbeitsbeginn und damit ein frühes Arbeitsende ohne Minusstunden vertan habe. Im Podcast läuft eine Folge von „IQ – Wissenschaft und Forschung“, heute über Viagra. Die Folge startet damit, dass sowohl der Redakteur als auch der erste interviewte Arzt betonen, selbst keine Erfahrungen mit der gar nicht so wunderlichen Wunderpille zu haben und ich verdrehe beim Zähneputzen die Augen. Die ersten Minuten klingen wie eine Anleitung, wie das Thema Erektionsstörungen weiterhin stigmatisiert werden kann. Als es irgendwann augenzwinkernd heißt, einer der Fachleute arbeite in einem Krankenhaus mit Namen „Maria Hilf“, muss ich unter der Dusche aber doch grinsen.

Brot ist aus, also gibt es Aufbackbrötchen, ein Luxus, den ich sonst eher dem Wochenende oder Feiertagen vorbehalte. Seit der Supermarkt hier im Dörfchen ersatzlos geschlossen hat, ist meine Einkaufsroutine gestört und ich bin schon wieder genervt, außerdem habe ich Kopfschmerzen und einen arg verspannten Rücken.

Dieser Tag hat eindeutig Entfaltungsmöglichkeiten: Im Kopf, in den Faszien, in der Laune. Laut Aussage der modernen Technik habe ich überdurchschnittlich gut geschlafen, aber ich fühle mich ganzkörperlich zerknittert, innen wie außen, so als müsse man mich erst einmal aufblasen wie einen faltigen Luftballon.

Immerhin: Homeoffice. Während Computer und Software starten, schlürfe ich Kaffee und esse die Brötchen. Dinkelbrötchen, um genau zu sein, die sollen ja gesünder sein als ihre Geschwister aus Weizen, vor allem aber sind sie etwas bitterer. Wenn die Marmeladenschicht dick genug ist, merkt man das aber fast nicht.

Mir fällt ein, dass heute früh ein technischer Test auf meiner Liste steht, und mir graust es vor dem Ergebnis. Ich zögere den Test hinaus, indem ich zuerst neu angekommene Anfragen beantworte. Wieso sind manche Leute eigentlich so pampig? Denen müsste man mal genauso unfreundlich antworten, mache ich natürlich nicht. Ich schreibe lieber ironisch „vielen Dank für Ihre freundliche Nachricht“, obwohl das, was die verfasst haben, nicht freundlich ist und oftmals auch nicht einmal mehr als Nachricht durchgehen kann. In aller Regel muss ich zurück fragen, was sie mit ihrer einsilbigen E-Mail überhaupt von mir wollen.

Irgendwann sind die Mails abgearbeitet (die meisten waren freundlich) und ich kann mich nicht mehr drücken. Wie erwartet fällt der Test schlecht aus und das bedeutet, dass ich den Fehler nicht allein lösen kann sondern auf externe Hilfe angewiesen bin. Mit der Gegenstelle bin ich seit einer Woche deswegen in Kontakt. Dieser gestaltet sich in diesen Fällen immer außerordentlich langwierig und ist mit Ausflüchten gespickt, „da läuft bei euch was falsch, ich habe hier alles gecheckt, meine Programmierung hat keinen Fehler“, und nach wochenlangem Hin und Her wird dann doch ein Fehler entdeckt. Kein Wunder, das Problem tritt ja auch erst auf, seit eben diese Programmierung geändert wurde. Kaugummizäh ist das. Ich wünschte, ich hätte Leserechte im Programmiercode, dann könnte ich zumindest versuchen, das Problem selbst zu finden, auch wenn ich Laie bin. So muss ich am Telefon mit Tipps im Nebel stochern und bin überrascht, wie oft ich richtig liege, obwohl ich viele der Fachbegriffe noch nie gehört habe.

So verbringe ich den Vormittag, immerhin stellt sich heraus, dass das Problem weit größer ist als angenommen – und damit sogar noch größer, als ich es seit einer Woche voraussage. Naja, man freut sich ja irgendwann über jeden Schritt vorwärts. Ich muss dabei an ein Erlebnis beim Zahnarzt vor vielen Jahren denken: Ich hatte starke Schmerzen und wurde zwei Tage in Folge wieder weggeschickt mit den Worten „da ist nichts, das muss von alleine weggehen“. Nach zwei durchwachten Nächten hatte der Arzt ein Erbarmen, machte ein Röntgenbild und entdeckte eine große Entzündung unter einer Füllung. Ich wechselte den Zahnarzt und der neue hatte dann viel zu tun und die Behebung zog sich lange hin, genau wie diese Fehlersuche auch noch Tage oder gar Wochen dauern wird, hoffentlich keine Monate. Fazit: Hört einfach auf die, die unter dem Problem leiden, sie können es obendrein auch am besten beschreiben.

Während der donnerstäglichen Besprechung stelle ich fest, dass die Schal- und Rollkragendichte zunimmt. Sehr schön, auch in Sachen Herbsteintritt freut man sich ja über jeden noch so kleinen Schritt vorwärts. Später, ich frage mich gerade, ob man durch Schlafen in lagerfeuerverrauchten Zimmern eigentlich eine Rauchvergiftung bekommen kann, meldet sich eine neue Kollegin und bedankt sich einfach so für meine (völlig unbedeutende) Hilfe in den letzten Tagen. Ach, das freut mich jetzt, kommt genau zum richtigen Zeitpunkt.

Mittags gibt es aufgewärmte Currysuppe, ein warmes Kirschkernkissen im Nacken und einen frischen Kaffee. Alles tut sehr gut. Trotzdem: Manchmal gibt es Tage, die einfach weg können, und das hier scheint so einer zu sein, tut mir leid für die, die das jetzt lesen, wir müssen da gemeinsam durch, es ist schließlich WMDEDGT.

Später dudelt gemütliche Musik und ich tippe an einer Bedienungsanleitung. Ich mag diese Arbeit, ist fast wie bloggen, nur mit mehr Screenshots. Mir geht dabei einmal mehr auf, wie viel angenehmer das Arbeiten von zuhause ist: Weniger Störungen, besserer Kaffee, es gibt Kirschkernkissen und nach der Arbeit kann ich einfach aufs Sofa nebenan plumpsen. Ganz abgesehen von der gesparten Pendelei.

Ich mache früh Schluss und falle tatsächlich kurz aufs Sofa. Mein Rücken ist immer noch garstig, da geben wir uns nichts, aber auch etwas Waagerechte besänftigt ihn nicht.

Danach muss ich zu einer Ärztin und fühle mich weiter usselig. Auf dem Rückweg überwinde ich mich, kurz einkaufen zu gehen und nehme keinen Einkaufswagen, um weniger Zeug zu kaufen. Natürlich schleppe ich danach schnaufend zwei volle Einkaufstüten zum Auto und frage mich, weshalb ich in manchen Belangen so lernresistent bin. Auf der Rückfahrt höre ich einige Podcasts mit Buchbesprechungen und notiere mir einen Krimi für später. Außerdem höre ich den Podcast „In trockenen Büchern“, diesmal über Humor. Ich mag die philosophische Betrachtungsweise und muss bei einem der Witze viel zu lange nachdenken, was ich sehr lustig finde. Diesen hier verstehe ich sofort: Was macht der Clown im Büro? – Faxen.

Zurück zu Hause beschließe ich, dass der Tag für mich jetzt endet. Ich fühle mich zunehmend elend, flau geradezu, mein Rücken brennt an allen Stellen. Ich gehe ins Bett, komme aber nicht zur Ruhe und döse im Halbschlaf mit einem Ohrwurm. Das nervt mich, also scrolle ich durch TikTok und auch das nervt.

Nach dem Abendessen gibt es Tee mit Honig, um den Herbst Willkommen zu heißen und weil das einfach lecker schmeckt.

In mir drin war heute alles viel anstrengender als es eigentlich hätte sein müssen, der Tag und ich haben wohl gegeneinander gearbeitet und jetzt kann er wie gesagt dann auch weg. Gute Nacht.

Das war der September 2023

Nichtwissen schütze nicht vor Strafe, heißt es ja. Ich lernte in diesem Monat, dass Butterfly-Messer vor langer Zeit verboten wurden. Nehmen wir an, vor noch viel längerer Zeit hätte ich rein theoretisch eines gekauft, zum Beispiel von einem Klassenkameraden (und könnte heute nicht mehr sagen, wie es dazu überhaupt gekommen wäre). Wenn dem also so sei: Wohin damit? Ich dürfte das Phantasiemesser – korrigiere: die Phantasiewaffe – ja noch nicht einmal besitzen. Falls ich das Ding überhaupt wiederfände, könnte ich damit zur nächsten Polizeistelle wackeln und es abgeben oder lachten sie mich dann aus? Ein seltsamer Zustand wäre das. Womöglich würde ich mich in diesem Gedankenexperiment eher dazu entscheiden, das Teil still und heimlich irgendwo zu verbuddeln.

Genauso wenig anfassbar wie vorgestellte Messer sind Nullen und Einsen. Ich bin generell eher für Digitalisierung, auch wenn Vieles unbeantwortet ist: Fragen nach Dauerhaftigkeit, Speicherort, Backups, Diebstahlschutz und so weiter. Aber es spart so herrlich viel Platz, wenn ich meine Bücher digital und trotzdem bei der nächsten Buchhandlung erwerbe. Allein die Einträge dieses Blogs (samt früherer Blog-Websites) würden auf Schreibmaschinenpapier inzwischen fast 600 Seiten stark sein. Wer will sich das schon in den Schrank stellen. Beruflich musste ich mich in diesem Monat mit der Digitalisierung alter und sehr alter Papiere auseinandersetzen und stellte fest: das ist doch ein ganzes Stück aufwändiger, als privat ein paar Bücher auszumisten und vielleicht noch die Rechnungen einzuscannen. Groß aufgezogene, rückwirkende Digitalisierung ist am Anfang vor allem eines: unfassbar teuer, geradezu unwirtschaftlich. Kurz überlegte ich, ob das wohl ein Grund dafür sein könnte, dass sich Faxgeräte hierzulande so gut halten, verwarf den Gedanken dann aber schnell.

Beim Arzt wird mir zunehmend gern auch mal Blut abgenommen – das war doch früher nicht? Eventuell gehe ich dazu über, prophylaktisch nur noch nüchtern da hin zu gehen, das würde die Dinge stark vereinfachen. Jedenfalls wurde neulich ein erheblicher Vitamin D-Mangel festgestellt, Zitat der Ärztin: „Das ist ja ein beschissener Wert.“ – Die Auswirkungen so eines Mangels sind unangenehm, die Behandlung aber denkbar einfach. Daher empfehle ich jetzt generell einfach mal JEDEM Menschen, beim nächsten Bluttest auch Vitamin D checken zu lassen, obwohl das eine Eigenleistung ist (kostete mich knapp 20 Euro).

Vor über zehn Jahren war ich beruflich in Südtirol, wir organisierten eine große Veranstaltung in einem kleinen Ferienort und waren daher als „die mit dem Geld“ bei den Hoteliers gern gesehen. Darum gab es bei den Treffen neben unzähligen Espressi auch gerne mittags schon Aperol Spritz aufs Haus, einen mir damals unbekannten Aperitif, den sie dort „Birdie“ nannten. Zum Ausklang dieses Sommers 2023 bin ich mal wieder auf den Geschmack gekommen. Aber was tun, wenn man nicht genug säuft, um eine ganze Flasche Sekt zu verarbeiten, bevor er nach eingeschlafenen Füßen schmeckt? Meine Lösung: Pikkolos. Also kaufe ich nun regelmäßig diese kleinen Sektfläschchen in Mengen ein, als sei ich der Hauptveranstalter örtlicher Junggesellinnenparties. Stößchen! 

Schon vor längerer Zeit ist mir aufgefallen, dass ich beim PlayStation-Spielen besser bin, wenn ich ein Glas Wein getrunken habe (bei Diablo 3 muss es natürlich Diablo-Wein sein, völlig egal, ob der gut ist). Alkohol enthemmt ja bekanntlich und scheinbar spiele ich für manche Spiele ansonsten etwas zu vorsichtig. Wiederum völlig nüchtern habe ich neulich „God Of War Ragnarök“ beendet, das ist diese Serie, in der hunderte Bösewichte bekämpft und manchmal auch in herrlicher Detailgenauigkeit in Stücke gerissen werden wollen. Und trotzdem musste ich am Ende der Geschichte tief durchatmen und ein kleines Tränchen verdrücken, ganz eventuell habe ich sogar kurz geschluchzt. Die Storyinszenierung hat mir außerordentlich gut gefallen, vielleicht gerade wegen des Gegensatzes zur Brutalität und weil die Charaktere auch in diesem Teil der Serie sehr angenehm reifen.

Aber zurück in die Wirklichkeit: Bei WRINT habe ich einen interessanten Podcast gehört. In der Folge „Leben im Albtraum“ geht es um den Niedergang des Westens und welche Fehler die Politik ganz generell in der Kommunikation macht und gemacht hat. Schön unaufgeregt und mit 42 Minuten viel zu kurz.

Den Zähler der Tage, die vergangen sind, seit ich das letzte Mal von einer Bedienung angegraben wurde, kann ich jetzt auch zurückstellen. Das Mal davor war Ende der 2000er in einer Kölner Lesbenbar, der einzige Mann mixte die Drinks und freute sich sichtlich über männliche Gäste, ich beziehe das nicht auf mich, er schien mir eher aufmerksamkeitsdurstig. Tja, und nun wieder, aber in einem ganz klassischen Restaurant. Der Mann erzählte einfach los und hörte gar nicht mehr auf, ignorierte die anderen am Tisch und fand unser Gespräch in jeder Hinsicht erregend. Woran das gelegen hat, da kann ich nur mutmaßen. Wir hatten viel gegessen und getrunken, eine derartige Sonderbehandlung scheint mir aber doch unüblich. Vielleicht hat er hinten in der Küche nicht beendete Gläser Wein und Bier geleert oder war aus anderen Gründen so beseelt. Ich nehm’s als Kompliment.

Im September bummelten wir auch einmal durch Bonn, da traten doch mitten in der Fußgängerzone drei Alphornbläser auf. Ob das wohl die Ausläufer des Oktoberfests sind? Es schalmeite jedenfalls durch die kleinen Gässchen und war auch ganz nett anzuhören. Wir rasteten in einer Eisdiele nebenan und stellten nach einer Weile fest, dass das Repertoire der drei Herren sich offenbar auf ebensoviele Lieder beschränkte. Eine schöne Abwechslung trotzdem, ich mag es, wenn überraschend etwas Kunst und Kultur auf mich einprasseln.

Ende des Monats kam mein neues elektronisches Spielzeug an, ich habe mir ein neues iPhone gegönnt. Ich weiß noch, wie ich als Kind einmal fast explodierte vor Vorfreude auf meine erste richtige Stereoanlage – und diesmal war die Vorfreude ähnlich. Ich steigerte mich ganz bewusst hinein und checkte den Versandstatus wesentlich zu häufig, weil ich jetzt als Erwachsener weiß, dass Vorfreude eine ganz eigene Art der Freude ist, die allerdings auch schlagartig enden wird. Ich genoss diese Phase also ganz bewusst und erfreue mich jetzt am neuen Gerät.

Zum Ende des Monats zeigte das Universum dann noch, was es kann: Mitten in einem vollen und sehr nervigen Arbeitstag voller unschöner Überraschungen und langer Telefonate sandte es mir eine Kollegin. Wir trafen uns im Hausflur und sie schwärmte selig davon, dass „der beste Kuchen, den ich je gegessen habe“ in der Büroküche zur freien Verköstigung stünde. „Ich muss unbedingt herausfinden, wer den gemacht hat!“ – Rein zufälligerweise war ich auf dem Weg in ebendiese Küche, probierte den Kuchen (saftiger Möhrenkuchen mit dickem Mascarpone-Topping), sah die gleiche Notwendigkeit und fragte mich durch. Lange Rede, kurzer Sinn: Ich habe jetzt ein neues Kuchenrezept.

Gelesene Bücher

In diesem Monat habe ich wieder überraschend viel gelesen, eine Auswahl:

Hilmar Kluthe: Was dann nachher so schön fliegt
Geschichte eines jungen Autoren in den 80ern, eine völlig andere Welt. Er ist gleichzeitig auch Zivi, was ich ihm wiederum sofort nachempfinden konnte. Schön geschrieben, aber was mich daran fasziniert hat, kann ich nicht sagen – ich fragte mich das bis zur letzten Seite.

Suzette Mayr: Der Schlafwagendiener
Der Diener im Schlafwagen hat keine Minute Ruhe in seinen 23-Stunden-Schichten und so fühlte es sich beim Lesen auch an: ständig gehetzt, keine Szene dauert länger als ein paar Seiten. Das ist zweifellos Absicht und klappt ganz gut, es las sich deswegen aber auch schnell weg. Danach erstmal Luft holen!

Gigi Louisoder: Dunkle Geschichten aus Bonn
Das Buch ist was für eingefleischte Bonn-Fans oder Menschen, die hier wohnen. Die Geschichten sind absurd, schräg und düster. Ich lernte das Eine oder Andere über meine Heimatstadt, ein zusätzliches Lektorat hätte dem Buch aber nicht geschadet.

Philippe Besson: Lie with me
Ach, von Coming-of-Age-Romanen bekomme ich nie genug. Hier also Liebe zwischen zwei Jungs am Ende ihrer Schullaufbahn, und die Geschichte erinnerte mich angenehm intensiv an meine eigene Jugend, aber nicht zu stark, als dass es unangenehm geworden wäre. Ich las es auf Englisch, im Original ist es auf Französisch, aber Liebe ist Liebe und Schule ist Schule.

Arno Frank: Seemann vom Siebener
Das Buch spielt an einem einzigen Tag und fast ausschließlich in einem Freibad. Erzählt werden mehrere ineinander verwobene Geschichten verschiedener Badegäste. Das Ganze scheint auf einen dramatischen Höhepunkt zuzusteuern, den alle Personen auch ständig erwähnen, aber am Ende geht es darum gar nicht. Ich fühlte mich nach der letzten Seite etwas veräppelt. Trotzdem eine schöne Bildsprache, außerdem liest sich das Buch so, als läge man auf einem Handtuch in ebendiesem Freibad und hörte den umliegenden Menschen zu.

Rausschmeißer

Stefan Zweigs Werk ist gemeinfrei, deshalb hier ein längerer Auszug aus „Die Frau und die Landschaft“, eine Kurzgeschichte, die ich im September ebenfalls gelesen habe. Der Text passt, obwohl 1929 publiziert, wunderbar in diesen endlich abflauenden Hitzesommer. Frohes Nachglühen.

Es war in jenem heißen Sommer, der durch Regennot und Dürre verhängnisvolle Mißernte im ganzen Lande verschuldete und noch für lange Jahre im Andenken der Bevölkerung gefürchtet blieb. Schon in den Monaten Juni und Juli waren nur vereinzelte flüchtige Schauer über die dürstenden Felder hingestreift, aber seit der Kalender zum August übergeschlagen, fiel überhaupt kein Tropfen mehr, und selbst hier oben, in dem Hochtale Tirols, wo ich, wie viele andere, Kühlung zu finden gewähnt hatte, glühte die Luft safranfarben von Feuer und Staub. Frühmorgens schon starrte die Sonne gelb und stumpf wie das Auge eines Fiebernden vom leeren Himmel auf die erloschene Landschaft, und mit den steigenden Stunden quoll dann mählich ein weißlicher drückender Dampf aus dem messingenen Kessel des Mittags und überschwülte das Tal. Irgendwo freilich in der Ferne hoben sich die Dolomiten mächtig auf, und Schnee glänzte von ihnen, rein und klar, aber nur das Auge fühlte erinnernd diesen Schimmer der Kühle, und es tat weh, sie schmachtend anzusehen und an den Wind zu denken, der sie vielleicht zur gleichen Stunde rauschend umflog, indes hier im Talkessel eine gierige Wärme nachts und tags sich zudrängte und mit tausend Lippen einem die Feuchte entsog. Allmählich erstarb in dieser sinkenden Welt welkender Pflanzen, hinschmachtenden Laubes und versiegender Bäche auch innen alle lebendige Bewegung, müßig und träge wurden die Stunden. Ich, wie die andern, verbrachte diese endlosen Tage fast nur mehr im Zimmer, halb entkleidet, bei verdunkelten Fenstern, in einem willenlosen Warten auf Veränderung, auf Kühlung, in einem stumpfen, machtlosen Träumen von Regen und Gewitter. Und bald wurde auch dieser Wunsch welk, ein Brüten, dumpf und willenlos wie das der lechzenden Gräser und der schwüle Traum des reglosen, dunstumwölkten Waldes.

Aber es wurde nur noch heißer von Tag zu Tag, und der Regen wollte noch immer nicht kommen. Von früh bis abends brannte die Sonne nieder, und ihr gelber, quälender Blick bekam allmählich etwas von der stumpfen Beharrlichkeit eines Wahnsinnigen. Es war, als ob das ganze Leben aufhören wollte, alles stand stille, die Tiere lärmten nicht mehr, von weißen Feldern kam keine andere Stimme als der leise singende Ton der schwingenden Hitze, das surrende Brodeln der siedenden Welt. Ich hatte hinausgehen wollen in den Wald, wo Schatten blau zwischen den Bäumen zitterten, um dort zu liegen, um nur diesem gelben, beharrlichen Blick der Sonne zu entgehen; aber auch diese wenigen Schritte schon wurden mir zu viel. So blieb ich sitzen auf einem Rohrsessel vor dem Eingang des Hotels, eine Stunde oder zwei, eingepreßt in den schmalen Schatten, den der schirmende Dachrand in den Kies zog. Einmal rückte ich weiter, als das dünne Viereck Schatten sich verkürzte und die Sonne schon heran an meine Hände kroch, dann blieb ich wieder hingelehnt, stumpf brütend ins stumpfe Licht, ohne Gefühl von Zeit, ohne Wunsch, ohne Willen. Die Zeit war zerschmolzen in dieser furchtbaren Schwüle, die Stunden zerkocht, zergangen in heißer, sinnloser Träumerei. Ich fühlte nichts als den brennenden Andrang der Luft außen an meinen Poren und innen den hastigen Hammerschlag des fiebrig pochenden Blutes.

— Stefan Zweig, Die Frau und die Landschaft

Bild von Peter H auf Pixabay

Schreiben im Café

Neulich erst schrieb ich von Jugendsprache und hätte diesen Artikel jetzt fast angefangen mit: „Heute habe ich mal dieses hipster ausprobiert.“ Zum Glück beginnt der Artikel nun anders, denn Hipster sagt wohl auch keiner mehr.

Versehentlich den richtigen Ort gefunden

Wie dem auch sei: Ich habe kürzlich in einem der Cafés gesessen, in denen in der Karte Bio-Eier als Bio-Eier ausgezeichnet sind, deren Eigelb so gelb ist, dass es schon fast künstlich aussieht. Solche Etablissements gehen mit der Zeit, deshalb werden bei der Kaffeeauswahl neben Kuhmilch auch Optionen mit weniger umweltschädlichen Nebenwirkungen angeboten, und: Einige der Speisen müssen nahezu unaussprechlich benannt sein, um kundenseitig die Spreu vom Weizen trennen zu können. Wobei diese Metapher schlecht gewählt ist, denn Weizen ist ja wirklich mehr als out.

Also, ich saß jedenfalls alleine in einem Laden mit all diesen Eigenschaften (unaussprechlich waren die Gerichte in dem französischen Kettencafé für mich nur, weil mein Französisch eingerostet ist) und hatte vermutlich etwa eine Stunde totzuschlagen, ganz genau wusste ich es nicht. Mein Job war es, hier zu sitzen und auf einen Anruf zu warten.

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